ein Beitrag von Dr. Wolfgang Hagemann
Chefarzt der Röher Parkklinik
„Wenn der Vater uns Kinder mal wieder
angebrüllt hatte, dass wir uns zitternd in die Ecken verdrückten,
beschwichtigte uns unsere Mutter, indem sie uns hinterher in den Arm
nahm und sagte: „ihr wisst doch, was er alles durchmachen musste!“
Er war Spätheimkehrer, hatte im Krieg einen Arm verloren und kehrte
1949 völlig ausgehungert, mit Hungerödemen in Armen und Beinen, aus
der russischer Gefangenschaft zurück. Mutter, damals 15 Jahre, war
mit ihren Großeltern, der Mutter und den zwei kleineren Geschwistern
aus Schlesien geflohen. Ihr Vater war im Krieg gefallen. Nie hat die
Mutter auf Fragen geantwortet, was sie erlebt hatte, ob auch sie oder
ihre Mutter zu den 1,5 Millionen Frauen, die auf der Flucht
vergewaltigt wurden, zählt, welche Schrecken sie durchlitten hatte.
Sie wurden als Flüchtlinge im Westen nicht mit offenen Armen
empfangen. Als ältestes Mädchen trug sie sobald als möglich zum
Unterhalt bei und verließ dafür ihre Familie. Sie wurde
Krankenschwester und lernte über ihren Beruf ihren späteren Mann
kennen. Sie versorgte auch später in der Ehe seinen Stumpf, ertrug
seine Albträume, sorgte sich um Haushalt und uns Kinder, ging
nebenbei noch arbeiten, damit er sich beruflich höher qualifizieren
konnte. Er hatte wohl im Kopf, dass sein Leben nicht lange mehr
dauern würde, er nicht in größeren Zeiträumen planen könne. Er
wollte in möglichst kurzer Zeit seine Familie sozial absichern,
soweit er es vermochte. Deswegen arbeitete er bis zu Umfallen.
Emotional war er für uns nicht erreichbar, wir litten wohl unter
seinen Wutausbrüchen. Besonders schlimm war es für uns, wenn wir
hörten, wie er auch unsere Mutter anbrüllte und wir sie nicht
schützen konnten. Nie kam ein Wort der Anklage über ihre Lippen,
immer entschuldigte sie ihn. Eigene Bedürfnisse schien sie keine zu
haben.“
Ihre älteste Tochter erkrankte mit 54
Jahren an einem Burnout und musste klinisch behandelt werden. Sie
konnte nicht mehr schlafen, fand keine Ruhe, fühlte sich innerlich
permanent angespannt, litt unter Migräne und Angstattacken. Ihr
Blutdruck spielte verrückt, wie sie es nannte, und sie litt unter
chronischen Durchfällen. Sie war verheiratet mit einem
gleichaltrigen Unternehmer, sie haben drei Kinder im Alter von 28, 26
und 20 Jahren. Sie arbeitet als Lehrerin auf einer
Zweidrittel-Stelle. Ihr Mann hat einen KfZ-Betrieb aufgebaut. Für
sie hatte nie in Frage gestanden, dass sie ihm den Rücken freihält
für sein berufliches Engagement, das sich fast täglich in den Abend
hinein erstreckte und ihn auch an den Wochenenden nicht losließ. Sie
hatte ihre Aufgabe lange in der Versorgung der Kinder und des
Haushaltes gesehen. Außerdem nahm sie repräsentative Aufgaben wahr,
wenn die Geschäftsinteressen des Mannes das verlangten. Freiraum für
eigene Bedürfnisse gab es keinen. Dafür hatte sie, nachdem auch das
jüngste Kind, ihre einzige Tochter, auf das Gymnasium ging, wieder
in ihrem früheren Beruf als Lehrerin mit großem Elan zu arbeiten
begonnen. Sie war gewohnt, selbständig zu arbeiten, und sie fand
einen guten Stand im Kollegium, in dem sie sich sehr wohl fühlte.
Vor drei Jahren wechselte die Schulleitung, und vieles veränderte
sich. Ältere Kolleginnen und Kollegen opponierten teils offen, teils
verweigerten sie sich oder wurden auch krank. Die Schwierigkeiten
erlebte sie selbst als eine Herausforderung, auf die sie mit
vermehrtem Engagement reagierte. Oft korrigierte sie Schularbeiten
noch am Wochenende oder bis in den späten Abend. Ihre Tochter war zu
dieser Zeit schon viel mit Freundinnen und Freunden unterwegs. Ihr
Mann war in seinen Gedanken fast nur noch im Betrieb, weil die Krise
in der Automobilbranche höchsten Einsatz und seine ganze
Aufmerksamkeit verlangten.
In der Therapie erlebte die Patientin,
dass sie sich kaum noch spüren konnte, sie keinen Blick mehr für
schöne Dinge hatte, sie alles nur noch funktional betrachten konnte,
Nützlichkeitserwägungen ihr Denken bestimmten. Sie erlebte sich wie
in einem Hamsterrad. Ihre Arbeit und ihr Dasein schienen ihr
sinnentleert. Daher war es zu Beginn für sie wichtig,
Entspannungsübungen zu erlernen, sich in der Bewegungstherapie
wieder körperlich zu spüren, sich mit ihren eigenen Bedürfnissen
auseinanderzusetzen. Dies gelang jedoch nicht ohne die
Auseinadersetzung damit, wie sie ihre Mutter erlebte, den Unterschied
zwischen ihren und dem eigenen Lebensumständen reflektierte. Sie
musste noch einmal durch die schmerzlichen Kindheitserinnerungen an
den Wut schnaubenden Vater durch, ihre Erinnerungen an die
Schutzlosigkeit ihrer Mutter, deren Beschwichtigen, das sie schon als
Kind innerlich abgelehnt hatte. Sie lernte die Zusammenhänge zu
verstehen, auch wenn sie nicht über Detailkenntnisse bzgl. der
Fluchterlebnisse ihrer Mutter verfügte, dass sie wohl aus dem
erfahrenen Leid die Kraft geschöpft hatte, den Vater anzunehmen mit
seiner Art, mit seinen Kriegserlebnisse umzugehen, auch wenn sie sich
oftmals bedroht gefühlt hatte und die Kinder erlebten, wie sie
weinte.
Die Patientin hatte sich mit ihrer
Mutter unbewusst identifiziert. Sie hatte mit ihrem Mann bislang eine
Ehe geführt, die scheinbar auch von der Angst geprägt war, dass das
Leben nicht planbar ist, der Vater für die Kinder im Wesentlichen
die Rolle des Ernährers spielt, der in der alltäglichen
Lebensgestaltung keine maßgebliche Rolle spielt. So haben sie beide
sich aus den Augen verloren, auch wenn sie sich täglich sahen. Diese
Erkenntnis erschütterte die Patientin zutiefst, hatte sie doch mit
dem inneren Bild gelebt, dass ihr Mann und sie es besser machen als
ihre Eltern. Es gelang ihr, mit ihm gemeinsam sich zu besinnen, was
sie einmal zusammengeführt hatte, wie ihre Lebensentwürfe sich zu
einem gemeinsamen verschmelzen ließen, und sie beabsichtigten, sich
künftig für die Realisierung bislang unausgelebter Wünsche mehr
Zeit zu geben. Die Tochter ins Studium zu entlassen, sich selbst
damit von der Versorgungsverantwortung befreit zu sehen, ließ
Freiräume erkennen, die nicht wie selbstverständlich mit mehr
Arbeit für die Schule gefüllt werden müssen. Über die
Musiktherapie und das kreative Gestalten in der Ergotherapie fand sie
mehr Mut, sich mit Dingen zu beschäftigen, die sie aus freien
Stücken und ohne Zielorientierung anpackte. Die Schule verlor für
die Patientin die unbewusste Aufgabe, Lücken zu füllen, die durch
die Veränderungen in der Familie erwachsen waren und für die sie
aus ihrer Kindheit keine andere Antwort kannte, als zu arbeiten.