Präsentismus – differenziert betrachten.

In der Zeitschrift „die Zeit“ ( https://www.zeit.de/arbeit/2018-02/krank-arbeit-grippe-ansteckungsgefahr-kollegen ) wird hinterfragt, in wie weit es verantwortbar ist, dass jemand mit einer Grippeerkrankung arbeiten geht. Es wird empfohlen, dass man auf jeden Fall zu Hause bleiben sollte, um Kollegen nicht anzustecken und sich selbst gesundheitlich nicht zu gefährden.

Zunächst einmal ist wichtig zu unterscheiden, dass ein grippaler Infekt nicht identisch mit einer ausgewachsenen Grippe ist. Bei einem grippalen Infekt mit „Husten, Schnupfen, Heiserkeit“, können Hausmittel wie heißer Tee mit Zitrone bis hin zu Einnahme von 500mg Paracetamol oder 500mg Acetylsalicylsäure zu einer raschen Symptomlinderung führen. Falls diese eintritt, ist es aus meiner Sicht durchaus verantwortbar, für sich zu entscheiden, auch zur Arbeit zu gehen. Da es sich in der Regel um Tröpfcheninfektionen handelt, sollte darauf geachtet werden, niemanden anzuhusten.

Stellen sich die Symptome nach drei bis vier Stunden wieder mit zunehmender Intensität und Heftigkeit ein, dann sollte jedoch jeder den Rückzug antreten und sich ins Bett legen. Rund um die Uhr einmal durchzuschlafen kann in solcher Situation Wunder wirken. Am nächsten Tag steht man meist wieder gut erholt auf. Ein Mensch von guter körperlicher Konstitution wird durch diese Vorgehensweise keinen Schaden nehmen.

Psychosoziale Stressfaktoren und Psychosomatische Krankheiten

Befindet sich der Mensch in einem konfliktreichen spannungsgeladenen Arbeitsumfeld, das höchste Aufmerksamkeit von ihm abverlangt, sind die Grenzen sicherlich deutlich enger gesteckt. Insbesondere wenn schon längere Zeit eine Erschöpfung spürbar gewesen ist, kann diese sich durch einen grippalen Infekt verschlimmern. Da sollte dann schneller mit Schonung reagiert werden. Auch, wenn sich ein Spannungsfeld zwischen erschöpfender Betreuung eines Angehörigen, Schwierigkeiten mit anstrengenden Kindern, Eheproblemen und herausfordernder beruflicher Arbeit als Doppelbelastung aufgebaut hat, kann dies die eigene Resilienz schwächen. Es ist rechtzeitige Erholung durch eine kurze Pause von zwei bis drei Tagen sinnvoll. Wiederholte Infekte sollten nach konfliktreichen bzw. Kräftezehrenden psychosozialen Zusammenhängen suchen lassen, wenn körperliche Ursachen ausgeschlossen sind.

Jeder Einzelne soll für sich entscheiden, ob er es sich zumuten kann, an den Arbeitsplatz zurückzukehren, ohne sich oder andere zu gefährden. Und ein Arbeitgeber oder Vorgesetzter sollte Verständnis dafür haben, wenn jemand für sich die Entscheidung trifft, dass er nicht an den Arbeitsplatz kommt. Rechtzeitige Schonung verkürzt die Ausfallzeit, die durch schwerere Erkrankungen entstehen würden. Falls jemand wiederholt durch ein- bis zweitägige Fehlzeiten auffällt, sollte mit ihm hierüber gesprochen werden, um verstehen zu können, wie es dazu kommt. Bzw. Um gegebenenfalls zu erfahren, wo es in der Arbeit hakt. Es liegt in der Verantwortung einer guten Führungskraft, Mitarbeiter zu fragen, was ihm helfen kann, wieder zu alter Stabilität zurückzufinden. Keinesfalls sollte sich ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin aus Angst vor Repressalien durch den Vorgesetzten, vor herabwürdigenden Bemerkungen, auch nicht seitens der Kolleginnen und Kollegen, zur Arbeit schleppen, wenn er eigentlich ins Bett gehört. Störungen im Miteinander am Arbeitsplatz bis hin zu Mobbing können bedingen, dass jemand nur noch wenige Widerstandskräfte hat und häufiger ausfällt. Die Entwicklung ausgeprägter psychosomatischer Störungen bzw. Krankheiten können die Folge sein, wenn nicht rechtzeitig reagiert wird.

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