Stress und seine komplexen Zusammenhänge

Häufige banale Infekte und chronische Unterleibsschmerzen

Eine systemische Psychosomatik bleibt nicht bei einem linearen Verständnis von Krankheit stehen.[1] Sie untersucht die Dynamik des Beziehungssystems, innerhalb dessen ein Mensch zum Patienten wird. Daraus ergeben sich interessante Interventionsmöglichkeiten, um auf die Entwicklung und Verarbeitung der Krankheit positiv einzuwirken. Die Fokussierung auf die Identitäten, den permanenten Anpassungsprozess an Veränderungen und das Entwickeln von adäquaten Rollenverständnissen eröffnet uns neue Perspektiven. Die Stärkung des intimen Dialogs stellt dabei eine herausragende Intervention dar, die vor allem die Ressource der Paardynamik nutzt und langfristige Wirkung erzielen kann.Niemand käme auf die Idee, bei einem banalen Infekt nach psychodynamisch relevanten Zusammenhängen zu forschen. Bei permanent überhöhtem Stress mit einer unausgeglichenen Bedürfnisbalance kann jedoch eine gesteigerte Infektanfälligkeit darauf hinweisen, einmal genauer hinzuschauen. Das konstruierte Fallbeispiel macht deutlich, dass sich komplexe Zusammenhänge ergeben können, die herauszuarbeiten sich lohnt. Dadurch wird ermöglicht, dass, wie in diesem Fall, die Beziehungen zwischen Mann und Frau und zu den Kindern wieder zu einer emotionalen Ressource werden. Belastungen im Beruf können durch mehr Zufriedenheit in den wichtigen Primärbeziehungen besser verarbeitet werden.

Jeder Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens verschiedene Identitäten. Jede bedarf der eigenen Aufmerksamkeit und benötigt Zeit, bis sie sich konturiert hat und abgesichert ist. Ein lebhafter Dialog mit vertrauten Menschen ermöglicht es, diesen Prozess der Identitätsbildung möglichst bewusst zu vollziehen.

Ein 29-jähriger Fahrradmechanikergeselle war vor sechs Jahren nach Bad Tölz umgezogen. Ihn hatte es in die Berge gezogen. Außerdem wollte er der Enge zuhause entfliehen und die große Welt kennenlernen. Doch nicht nur diese, sondern auch junge Frauen lernte er kennen, bis er sich nach eineinhalb Jahren in seine Lebensgefährtin verliebte. Nicht viel später, noch bevor er sie seinen Eltern vorstellen konnte, starb sein Vater plötzlich. Es zog ihn zurück nach Hause, vorgeblich, weil er den Meister machen wollte. Doch wollte er als einziger Sohn auch seiner trauernden Mutter beistehen. Seine Lebensgefährtin entschied sich mitzukommen.

Sie war zunächst ganz euphorisch, dass es ihr hier gut gefallen würde. Der erste Eindruck, den sie gewonnen hatte, bestärkte sie hierin. Sehr bald jedoch litt sie unter Unterleibsschmerzen. Diese kannte sie schon von ihrer ersten Schwangerschaft. Und diesmal geriet sie in Panik. Sie hatte immer weniger Lust auf Sexualität. Zweimal hatte sie sich den Unterleib laparoskopisch untersuchen lassen. Es wurden keine hinreichenden körperlichen Ursachen für ihre Beschwerden gefunden. Auch eine spezifische Schmerztherapie konnte ihr nicht helfen. Sie litt mehr unter den unerwünschten Wirkungen als dass sie dauerhaft beschwerdefrei geworden wäre.

Ihre Kinder reagierten schon mit zunehmender Ungeduld und auffälligem Verhalten, weil ihre Mama für sie immer unzuverlässiger emotional erreichbar war. Ihr Alltag wurde immer mehr überschattet von den Schmerzen, bis sie zuletzt an nichts anderes mehr denken konnte. Die Liebe zu ihrem Partner litt darunter, weswegen sie zusätzlich auch Ängste entwickelte, ihn zu verlieren. Ihr Mann wandte sich an seinen Hausarzt. Er litt in letzter Zeit wiederholt unter banalen Infekten, die er von früher nicht kannte und die auch zu seinem sonstigen sportlichen Habitus nicht passten. Dies nahm er zum Anlass, mit dem Arzt seines Vertrauens, den er schon lange als Arzt seiner Familie kannte, das Gespräch zu suchen. Ihm berichtete er von seinen zunehmenden Schwierigkeiten zu Hause, den Spannungen, die sich aufgebaut haben.

Das oben abgebildete Genogramm zeigt die Elterngeneration in der obersten Ebene. Darunter finden sich die Kinder der Eltern, und darunter die nächste Generation. Ein Schrägstrich bedeutet Trennung eines Paares.

Um die systemische Dynamik bei dem jungen Mann, der seine Lebensgefährtin nicht verlieren wollte, verstehen zu können, können eine Vielzahl von Fragen zu seinen unterschiedlichen Identitäten und ihre Entwicklung gestellt werden:

Vor dem Umzug:
  • Identität als Sohn

Als er seinen Vater verlor, hatte der Patient sich 4 Jahre vorher entschieden, auf Wanderschaft zu gehen. Er hatte die Familie verlassen und war in die weite Welt hinausgegangen. Er liebte die Berge und fuhr gerne Mountainbike. Es war ihm nicht schwer gefallen zu gehen. Seine Eltern waren beide berufstätig gewesen, und er hatte erleben können, wie sie ihre Freizeit genossen. Er fand in der Nähe von Bad Tölz einen Sporthändler, für den er als Fahrradmechaniker arbeiten konnte.

Als er von seiner Mutter einen Anruf erhielt und sie ihm mitteilen musste, dass sein Vater an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt sei und nicht mehr lange zu leben haben werde, stürzte für ihn eine Welt zusammen. Er mochte seinen Vater sehr, und er freute sich stets, wenn dieser mit ihm in den Alpen wandern ging. Plötzlich sollte das nicht mehr möglich sein. Er fuhr nach Hause und war sehr erschrocken, als er dem bleichen Vater in die Augen sah. Es lag viel Traurigkeit darin, ermattet ohne all die Vitalität, die er an ihm so sehr liebte. Als er zurückfahren musste, verabschiedete er sich von ihm mit dem Versprechen, bald wieder hochzukommen. Er erlebte die Mutter bei der Umarmung zum Abschied fast in seine Arme fallend, den Kopf traurig an seine Schulter lehnend, und dann gleich wieder sich aufrichtend, wohl wissend, dass sie alleine stark sein muss, um ihrem Mann auf seinem letzten Weg zu begleiten. Zum ersten Mal in seinem Leben fiel ihm Abschied schwer, blickte er nicht frohen Mutes nach vorne sondern auf die beiden Eltern. Eine leichte Schwermut befiel ihn. Auf dem Weg nach Bad Tölz, seinem neuen Zuhause, schien die Zeit still zu stehen. Ganz überrascht registrierte er, dass sein Zug in Stuttgart, danach in München angekommen war und er umsteigen musste nach Bad Tölz. Fremd kam er sich vor. Der Alltag holte ihn bald wieder ein. Die Nachrichten, die er von seiner Mutter zum Befinden des Vater erhielt, wurden immer dunkler, hoffnungsloser, und schon nach drei Monaten – zwischenzeitlich war er noch einmal für ein verlängertes Wochenende bei den Eltern gewesen – wusste er, dass er sogleich hochfahren musste, wollte er noch rechtzeitig kommen, um sich vom Vater zu verbschieden. Er erhielt von seinem Arbeitgeber zwei Wochen Urlaub, den er nutzen konnte, um hochzufahren, am Sterbebett gemeinsam mit seiner Mutter zu sitzen, später die Totenwache halten zu können. Um die Trauerfeierlichkeiten kümmerte er sich auch mit, da seine Mutter wie leblos durch die Wohnung schlich, nichts rechts und nichts links wahrnehmend, sich ganz auf ihn verlassend. Er gelang ihm, noch eine weitere Woche Sonderurlaub zu bekommen, doch auch dieser ging zu Ende, und er musste sich von ihr verabschieden. Bis dahin konnte er seine Stärke der Mutter leihen, ihr zur Seite stehen mit seiner jugendlichen Kraft. Doch jetzt ließ er sie zurück, die ihn auch hierin bestärkte zu fahren und ihm erkennbar machte, dass sie sich bei zwei guten Freundinnen Unterstützung holen konnte. Dennoch kostete es ihn Mühe, sie alleine zu lassen.

  • Identität als junger Mann

Er war schon immer sportlich unterwegs. Im Downhill-Fahren machten ihm selbst Einheimische nichts vor. Er war ambitioniert und kompetitiv, risikobereit und für jede Gaudi zu haben. Es dauerte nicht lange, und er gehörte zur Gruppe der Gleichaltrigen dazu. Solchen Zusammenhalt hatte er selbst zuhause nicht erlebt. Alles drehte sich um’s Spaß haben miteinander. Und wenn jugendliche Touristen und junge Mädels kamen, wusste er gar nicht, wo ihm der Kopf stand, so schäumte er vor Begeisterung über. Manchmal war er recht waghalsig auf den Pisten, und vereinzelte Stürze ließen sich nicht vermeiden, blieben jedoch ohne größere Folgen. Kurze Liebschaften gehörten für ihn selbstverständlich mit dazu. Binden wollte er sich jedoch nicht. Das änderte sich ca. 3 Monate, bevor er die Nachricht von der Krankheit seines Vaters erfuhr. Er kannte Franzi schon lange, sie gehörte mit zu seinem „Club“. Sie war Einheimische und arbeitete als Verkäuferin im gleichen Geschäft. Sie war, als er dort begann, alleinerziehende Mutter. Der Vater des Kindes hatte sie sehr bald nach der Geburt des Mädchens sitzen gelassen. Ihre Eltern unterstützten sie in der Versorgung des Kindes, wollten jedoch auch, dass sie arbeiten ging. Für ihn war sie lange nur eine nette Kollegin, mit der er gerne in der Mittagspause plauderte. Er erfuhr früh, dass sie zum zweiten mal schwanger war, und er konnte sich mit ihr freuen, da sie davon ausging, vom Vater des Kindes auch geheiratet zu werden. Darauf legten auch ihre Eltern großen Wert, wie er von ihr wusste. An sportlichen Events konnte sie nicht mehr teilnehmen. Er hingegen stürzte sich ins volle Leben mit seinen Freunden.

  • Identität als Lebensgefährte

Als er den Anruf von der Mutter erhalten hatte, stürzte er emotional regelrecht ab. Über Gefühle und Persönliches zu sprechen war nicht seine Sache. Obwohl er schon mehrere Jahre in Bad Tölz lebte, er tolle Menschen kennengelernt hat, mit denen er sehr viel Spaß hatte, fehlte ihm erstmals ein Intimus, ein Vertrauter, dem er sich auch über seinem Schmerz, seiner Trauer mitteilen konnte. Einen solchen Freund hatte er aus der Schulzeit in seinem Heimatort. Er hatte stets Kontakt zu ihm gehalten, doch jetzt war er weit weg für ihn. Alex zog sich zurück, machte seinen Freunden eine kurze Andeutung, dass es seinem Vater nicht gut gehe, so dass sie verstehen konnten, wenn ihm nicht nach Gaudi zumute war. Lediglich Franzi sprach ihn immer mal an, dass es nicht gut für ihn sei, sich alleine zu lassen in dieser Zeit des leidvollen Abschied Nehmens in der Ferne. Es waren für ihn Augenblicke, in denen er sich wahrgenommen erlebte, er es zulassen konnte, dass jemand ihn ansprach, ohne dass er seine Maske aufsetzte, um niemanden in seine Seele schauen zu lassen.

Als er von dem Besuch zuhause, bevor der Vater starb, zurückkehrte, fand er eine völlig veränderte Franzi wieder. Der Vater ihres Sohnes, den sie so sehr liebte und in den sie so große Hoffnung gesetzt hatte, hatte sich unerwartet von ihr abgewandt. Sie fühlte sich beschämt und überfordert, mit zwei Kindern alleine dazustehen. Als ihre Großmutter ihr vorwarf, dass sie für die Familie eine Schande sei, war ihre Mutter dabei und verteidigte sie nicht. Sie wusste nicht, wie sie künftig ihrer Mutter unter die Augen treten konnte, fühlte sich ausgestoßen. All ihre Lebensfreude, ihr Lachen, ihr Mitmachen, wenn andere sich einen Jux erlaubten, waren wie weggeblasen. Er sprach sie an, wollte ihre Anteilnahme, die sie ihm geschenkt hatte, zurückgeben. So tauschten sie sich aus, fanden sich in ihrer Trauer.

Nach dem Tod seines Vaters kehrte er zurück und fühlte sich hin und hergerissen. Es fiel ihm schwer, die Mutter alleine zurückzulassen. Er wollte ihr so gerne ein guter Sohn sein, und dies schien er auch seinem Vater schuldig zu sein. Hierüber konnte er sich mit seiner Freundin austauschen. Sie wiederum verlor zunehmend ihre Scheu, von ihren Ängsten zu sprechen, es alleine mit zwei Kindern nicht zu schaffen, sich ausgestoßen zu fühlen aus der Gemeinschaft der Gleichaltrigen. Sie machte die Erfahrung, dass diese in ihr ein leichtes Mädchen sahen, das sie entweder für ein sexuelles Abenteuer gewinnen wollten, oder in der sie eine Konkurrentin sahen, die ihr den Freund oder Mann ausspannen könnte. Sie wusste nicht, worüber sie schockierter war, spürte es aber tief in sich drin, als hätte jemand sie in den Unterleib getreten. Sie weckte in ihm den Beschützerinstinkt, und sie fanden zueinander. Ihre Kinder mochte er auch. Es wurden Gefühle geweckt, die er als Geliebter und Freund in bisherigen Beziehungen noch nicht erlebt hatte.

  • Identität als Vater

Er hatte seine Rolle als einziges Kind früher genossen. All die Aufmerksamkeit, die ihm zuteilwurde. Der Stolz der Eltern über jeden noch so kleinen Fortschritt. Die Unterstützung vieler seiner Wünsche wie z.B. Skisport treiben, obwohl die Alpen 650 km entfernt lagen. Immer hatte er seine Freunde besuchen, dort übernachten, mit ihnen sehr früh schon auf Freizeit fahren können u.v.m. Sein Vater hatte viel mit ihm alleine unternommen, sie waren richtig gute Kumpels gewesen. So wollte er selbst seinen Kindern auch einmal Vater sein.

Als er seine Freundin näher kennenlernte und sich eine Beziehung daraus ergab, konnten ihre Kinder nicht außen vorbleiben. Das war nur möglich, als sie ein Kind hatte und ihre Eltern ihr bereitwillig das Kind versorgten. Da hatte sie mit den anderen auch mal alleine unterwegs sein können. Mit Schwangerschaft des zweiten Kindes ließ diese Unterstützung jedoch schlagartig nach. Ihr stand auch nicht der Sinn nach Feiern und Gaudi, sie war froh um jede Minute mit ihrem Freund und ihrem Sohn.

Als der Vater des zweiten Kindes sie verließ, nichts aus der Hochzeit wurde, die sie sich erträumt hatte, ging sie nur noch ihrem Job nach und versorgte Kinder und Haushalt. Wenn Alex sie mal ansprach, war dies ein kleiner Lichtblick in ihrem Leben, der jedoch schnell wieder verlosch. Als er sie einmal mit ihren beiden Kindern traf und er sich sehr liebevoll und geschickt den Kindern zuwandte war sie heilfroh. Hatte sie doch befürchtet, er würde sie künftig auch meiden wie die anderen.

Ihm fehlten die vielen Monate ihrer Schwangerschaften und die Zeit, die die Kinder schon herangewachsen waren. Vaterschaft war für ihn bislang kein Thema gewesen, mit dem er sich bewusst auseinandergesetzt hätte. Er war von sich selbst überrascht, wie leicht es ihm fiel, ihre beiden Kinder zu mögen. Er spürte ein wachsendes Bedürfnis, nicht nur in der Nähe von ihr zu sein, sondern auch von ihren Kindern. Und wenn er von einem seiner Bekannten und Freunde einmal eine abfällige oder eine anzügliche Bemerkung über sie hörte, verteidigte er sie. Als er ihr gegenüber einmal den Wunsch äußerte, gerne mit ihr zusammen wohnen zu wollen, wurde sie sehr traurig, obwohl es ihr eigener größter Wunsch war. Es traf sie im Unterleib, und war es doch kein Tritt. Sie spürte große Angst, ihre Eltern zu verärgern, erneut gehässigen Bemerkungen ihrer Großmutter ausgesetzt zu sein, und dass ihm nachgesagt werden könnte, er würde in ihr nur die begehrenswerte Frau, ein Sexobjekt sehen.

Er hatte die Entwicklung ja miterlebt, nachdem sie von dem Vater ihres zweiten Kindes verlassen worden war, und konnte sie verstehen. Nachdem er zum Jahrgedächtnis seines Vaters seine Mutter besucht hatte, fasste er den Entschluss, sie zu fragen, ob sie mit ihm in seine Heimat ziehen würde. Er könnte dort seinen Meister als Fahrradmechaniker machen mit dem Ziel, vielleicht auch einmal einen eigenen Fahrradladen zu eröffnen.

Nach dem Umzug: 
  • Identität als Sohn

Ihm war es leicht ums Herz geworden, als er sich mit ihr einig geworden war, dass sie gemeinsam in seine Heimat ziehen. Jetzt war er wieder in der Nähe seiner verwitweten Mutter und konnte sie leichter besuchen. Sie wohnte in der Nähe seines neuen Arbeitsplatzes, und er trank in der Frühstückspause um 11h täglich eine Tasse Kaffee mit ihr. Er kürzte dafür seine Mittagspause. Es freute ihn zu erleben, wie gerne seine Mutter sich auf seine Freundin und die Kinder einlassen konnte. Schnell war jede Fremdheit verflogen, und auch seine Freundin sah sich nicht mehr mit den Anfeindungen von Zuhause konfrontiert.

  • Identität als junger Mann

Er fand schnell wieder den Anschluss an seinen früheren Freundeskreis. Dieser hatte sich neu konstelliert. Es hatten sich Paare gebildet, neue Menschen waren dazugekommen, Familien waren gegründet und erste Kinder geboren worden. Dadurch waren die Kontakte komplexer geworden, Absprachen nicht mehr so einfach, gemeinsame Unternehmungen schwieriger zu organisieren. Eine Skatrunde war erhalten geblieben, zu der er sich dazugesellen konnte. Gemeinsame Besuche von Bundesligafussballspielen waren seltener geworden als früher, auch „Sauftouren“ waren fast ganz weggefallen. Es ging irgendwie „gesitteter“ zu. Einen deutlichen Unterschied machte es, obschon Kinder da waren oder die Paare noch alleine waren. Einige seiner Freundinnen und Freunde waren stark beruflich engagiert, suchten eine Möglichkeit durchzustarten. Einzelne zogen für ihren Job auch weg, weil die Karrierechancen in Großstädten besser sind. Heilig Abend traf man sich wohl gemeinsam auf dem Marktplatz und gab sich ein Update bei einem Glas Bier, oder auch zwei. Spätestens bei diesen Treffen war es für seine Freundin schwer, sich zugehörig zu fühlen. Die alten Geschichten, die hochgeholt wurden, die verbinden, gemeinsam erlebten Anekdoten, die zum Besten gegeben wurden, schlossen sie aus, wie sie wehmütig spürte. Außerdem waren ihre Kinder noch zu klein, um länger mitzukommen.

Als sich bei seiner Lebensgefährtin Schmerzen einstellten, wollte er sie schonen. Er wandte er sich verstärkt seinen Freunden zu und unternahm mehr mit ihnen. Er traf sich abends gerne noch auf einen kleinen Schwatz mit ihnen, und er konnte viel mit ihnen lachen. Und er ging regelrecht darin auf, wenn er eingeladen wurde, mit zum Fußballspiel zu kommen, eine willkommene Abwechslung für ihn nach einer anstrengenden Arbeitswoche.

  • Identität als Lebensgefährte

Für ihn hatte sich eine Familie gebildet, er war zufrieden. Franzi war ihm Ansporn, verlässlich am Familienleben teilzunehmen. Er fand es toll, wie sie ihren Kinder Mutter war. Manchmal vermisste er jedoch die Partnerin in ihr, die, die sich nur ihm zuwandte, für die er der Einzige ist, auf den sich alle Bedürfnisse richteten. Er hätte gerne mehr Aufmerksamkeit bekommen. Er hätte sie gerne mehr mitgenommen zu seinen Freunden, wäre gerne mehr mit ihr ausgegangen, als dies mit den Kindern möglich war.

Bei seiner Mutter hatte er erlebt, wie sie sich oftmals wegen Schmerzen zurückgezogen hatte. Irgendwann, als der Vater schon verstorben war, hatte sie ihm erzählt, dass er noch eine Schwester hatte. Ihretwegen hatten sie und sein Vater geheiratet. Als sie mit einem dreiviertel Jahr an plötzlichem Kindstod starb, sei für die Mutter eine Welt zusammengestürzt. Seitdem hätte sie immer wieder unter starken Unterleibschmerzen gelitten, wenn sie ihre Monatsregel hatte. Als sie mit ihm schwanger gewesen sei, so erzählte sie ihm, hätte sie große Angst gehabt, dass ihm etwas passieren könnte, und sie habe doppelt gut auf ihn aufgepasst. Sie habe ihm nie von seiner Schwester erzählen können, weil es zu schmerzhaft für sie gewesen sei. Sie erzählte ihm noch ein weiteres Geheimnis. Ihre Mutter hatte auf der Flucht aus Schlesien ihren zwei Jahre älteren Bruder verloren. Er hatte sich verletzt und war an den Folgen einer Blutvergiftung verstorben. Ihre Mutter sei nie darüber hinweggekommen, wie überhaupt die Flucht wie ein ständiger Schatten über ihrem Leben gelegen hatte. Oft war sie deshalb für ihre Tochter emotional nicht erreichbar gewesen, hatte ihre Bedürfnisse nicht wahrnehmen können.

Als seine Freundin und er schon einige Monate hier wohnten und er fleißig die Meisterschule besuchte, stellten sich bei seiner Freundin Unterleibsschmerzen ein. Diese hatte sie schon nach der Geburt ihres Sohnes, als der Vater des Kindes sie verlassen hatte, kennengelernt. Als Alex ihr den Vorschlag machte, mit ihm hochzuziehen, waren die Beschwerden lange Zeit verschwunden gewesen. Jetzt waren sie mal stärker, mal schwächer, jedoch permanent da. Ihre sexuelle Lust litt sehr darunter. Er zeigte Verständnis, obwohl ihm die körperliche Nähe und auch ihre Lebenslust zunehmend fehlten. Wie schon als Kind, als er auf die Mutter Rücksicht genommen hatte, hielt er seine Bedürfnisse zurück.

  • Identität als Vater

Von jetzt auf gleich, mit dem Umzug in seinen Heimatort, wurde Realität, was er sich so sehnlichst gewünscht hatte: er hatte seine eigene Familie. Er wandte sich liebevoll den kleinen Kindern von ihr zu, lernte mit ihnen zu spielen und Alltag zu leben. Sie kannten ihn, und er war ihnen nicht fremd. Doch fremd war für sie, dass sie ihre Mutter nicht mehr für sich alleine zuhause hatten. Die Größere vermisste anfänglich ihre Spielkameraden aus dem Kindergarten und der Nachbarschaft. Der Kleinere klammerte sich verstärkt an die Mutter und machte es ihm schwer, mit ihm vertraut zu werden. Beide kamen jedoch sehr bald in den gleichen Kindergarten. Wenn sie dann nach Hause kamen, nahmen sie ihre Mutter voll in Beschlag. Er musste viel Geduld aufbringen, bis die Kinder ihn als ihren „Papa“ akzeptierten. In Erziehungsfragen waren er und seine Lebensgefährtin nicht immer eins, doch konnte sie ihn gut zulassen als den „Ersatz“vater für ihre Kinder. Dennoch erlebte sie sich in erster Linie als die Verantwortliche für ihre Kinder, und diese standen immer an erster Stelle. So hatte sie es bei ihren Eltern gelernt: die Mutter kümmert sich um die Kinder, der Vater um die soziale Absicherung. Er folgte dem Beispiel seines Vaters, der sich beruflich sehr stark engagiert hatte, und stand zu seiner sozialen Verantwortung, die er als Stiefvater für die Kinder und für seine Lebensgefährtin übernommen hatte. Manches Mal erlebte er sich hinter die Kinder zurückgesetzt, dass er nur sehr wenig von ihr mitbekam. Das kannte er nicht aus der Zeit in Bad Tölz. Da hatte er sie durchaus auch einmal für sich ganz alleine gehabt. Frustration über die schwierig gewordene Beziehung zu ihr, sowie der Stress in Beruf und Meisterschule begründeten mit, dass er wiederholt wegen banaler Infekte zwei bis drei Tage ausfiel.

Stärkung des intimen Dialogs

Der Hausarzt, Vertrauter der Familie, lud ihn und seine Freundin zu einem gemeinsamen Gespräch ein. Durch geschicktes Fragen wurde ihre Traurigkeit im Zusammenhang mit den ungelösten Konflikten in ihrem Elternhaus erkennbar. Sie fühlt sich beschämt, ausgestoßen und nicht mehr geliebt. Sie hatte nicht mit ihrer Mutter sprechen können, wie sehr es sie getroffen hatte, von der Großmutter als Hure bezeichnet und von ihr nicht unterstützt worden zu sein. Dabei hatte sie den Vater des zweiten Kindes wirklich geliebt und war zutiefst enttäuscht gewesen, als er sie verlassen hatte.

Alex berichtete im Gespräch von den Geheimnissen der Mutter und Großmutter, die er zwischenzeitlich erfahren hatte, und dass er in der Kindheit seine Bedürfnisse viel runtergeschluckt hatte, obwohl er oft die Nase voll hatte. Am liebsten hätte er das ein oder andere Mal laut geschrien, nur um gehört, wahrgenommen zu werden. Doch stattdessen hatte er gelernt, Rücksicht zu nehmen.

Franzi berichtete von ihrem Frust und ihrem Ärger, dass es ihrer Familie stets wichtiger war, was die Leute denken, als es ihr ging. Konventionen zu befolgen stand über allem. Und für Gefühle war ihr Vater nicht zuständig, die waren „Frauensache“. Zur Mutter von Alex hatte sie jedoch nicht das Vertrauensverhältnis aufgebaut, um sich ihr mitteilen zu können, und wirkliche Freundinnen hatte sie auch noch keine gefunden. Sie kam sich wie jemand vor, der dazugehören möchte, jedoch lediglich toleriert wird. Immerhin erlebte sie sich nicht verurteilt, Mutter von zwei unehelichen Kindern zu sein.

Vom Hausarzt gebeten auszudrücken, was sie am anderen schätzen, nannte er sofort ihren vorbildlichen Umgang mit den Kindern, ihre Fürsorge und Präsenz. Er liebe sie, fühle sich geborgen bei ihr, und er kehre abends gerne heim zu seiner Familie. Er freue sich über die Kinder, und er gäbe sich gerne Mühe, ihnen ein guter Vater zu sein. Er gehe gerne mit ihr aus und fühle sich wohl mit ihr im Kreise seiner Freunde. Sie sagte ihm, dass sie sich sicher fühle bei ihm, sie sich von seiner ganzen Familie und selbst in seinem Freundeskreis vorbehaltlos aufgenommen und sich schon zugehörig fühle. Sie möge an ihm seine Verantwortung, mit der er Familienvater geworden sei, wie er mit ihren Kindern spiele und auch Zeit für sie habe. Es schmerze sie sehr, dass sie ihm nicht stets die Frau sein könne, die er sich wünsche, und sie habe keinen größeren Wunsch als ihn glücklich zu machen. Und sie wolle ihn gerne darin unterstützen, seinen Meister zu machen und ihm beim Aufbau eines Fahrradladens im Verkauf helfen. Gefragt, was sie sich wünsche, begann sie zu weinen. Sie wünsche sich, dass ihre Familie ihn ebenfalls annehmen würde und sie ihr glauben, dass sie ihn wirklich liebt und ihren zwei Kindern eine gute Mutter ist.

Dieses erste Gespräch kann den intimen Dialog lediglich eröffnen beziehungsweise vertiefen. Doch gab es einen wichtigen Impuls, bei aller Notwendigkeit der sozialen Absicherung sich selbst als Paar nicht aus den Augen zu verlieren und sich immer wieder des Rückhaltes zu versichern. Ziel sollte sein, die eigenen Bedürfnisse dem anderen frei mitteilen zu können und, wenn dieser einmal nicht darauf eingehen kann, dies nicht als Zurückweisung zu erleben.

Zusammenfassung

Nicht der einzelne Infekt, sondern die Anfälligkeit für wiederholte Infekte war Anlass, die aktuelle Systemdynamik des jungen Mannes zu überprüfen. Es fanden sich:

  • eine Dysbalance der Bedürfnisbefriedigung in der Partnerschaft
  • ungeklärte Konflikte insbesondere in ihrer familiären Geschichte
  • erhöhte Erfordernis, bewusster die Entwicklung sich ändernder neuer Rollenverständnisse und damit den Prozess der Identitätsbildung zu reflektieren und darüber ins Gespräch zu kommen
  • Störung des intimen Dialogs

Mit der Intervention, den intimen Dialog zu verbessern, wird die Auseinandersetzung der beiden sicherlich nicht beendet sein können. Wenn, wie bei ihr schon eine längere Symptomgeschichte vorliegt mit wiederholten operativen Eingriffen – hier zwei Laparoskopien zum Ausschluss von inneren entzündlichen Prozessen oder Verklebungen – erkennen müssen, kann nicht von einer einzelnen Intervention Heilung erwartet werden. Sie wird sich aber leichter tun, therapeutische Hilfe anzunehmen, wenn sie erkennt, dass sie nicht alleine auf der Suche ist und sie sich seiner bedingungslosen Akzeptanz sicher sein kann: Verletzte Scham, als leichtes Mädchen gesehen worden zu sein; Wut darüber, verlassen worden zu sein von den beiden Vätern ihrer Kinder; keine Unterstützung erhalten zu haben von der Mutter gegenüber ungerechtfertigten Angriffen; Gefühl der Verlassenheit und des Ausgestoßen seins, als bzw. weil sie ihren Heimatort verließ; die tiefe innere Verunsicherung, ob sie zur guten Mutter und Ehefrau taugt setzen sie vermehrt innerlich unter Druck. Indem er sie nicht alleine lässt mit ihrer Hilfsbedürftigkeit und für sich selbst Hilfe zulässt, wo er sich überfordert erlebt, kann er wiederum seinem Bedürfnis, sie schützen zu wollen, nachdrücklich Ausdruck verleihen. So gewinnt das Paar an Autonomie.

Wie unser Beispiel zeigt, wird ein körperliches Symptom jedoch manchmal durch sehr komplexe Sachverhalte mit unterhalten bzw. provoziert. Da bei handelt es sich um zirkuläre Prozesse, die verstärkende bzw. abschwächende Wirkung erzielen können.

Dr. Wolfgang Hagemann

[1] Linear bedeutet hier, es gibt eine Ursache, die eine bestimmte Wirkung zeigt. Wird die Ursache ausgeschaltet, bzw. gelingt es, über das Ausschalten der Symptome, zu denen die Ursache führt, diese wegzubekommen, so war die Therapie erfolgreich. Wenn sich z.B. jemand am Daumen geschnitten hat, so kann die Ursache selbst, dass er sich geschnitten hat, nicht beseitigt werden. Wohl aber die Auswirkungen, die Symptome, können beseitigt werden durch adäquate Wundversorgung.

„Bei diesem Fallbeispiel handelt es sich um eine frei erfundene Geschichte. Die dargestellten Personen sind ebenso frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig. Alle beschriebenen Handlungen sind zwar an die Realität angelehnt, beziehen sich aber nicht auf konkrete Begebenheiten. Auch hier sind alle Ähnlichkeiten rein zufällig.“

20. Februar 2018|

Über den Autor:

Wolfgang Hagemann
Meine Aufsätze und Beiträge ergeben sich aus der intensiven Auseinandersetzung mit Themen und Erfahrungen aus mehr als 30 Jahren psychotherapeutischer Arbeit.