Wege aus mangelnder Orientierung und Kontrolle über sein Leben

-eine Mehrgenerationenperspektive-

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ (Martin Buber)

Innere Orientierung abzusichern gelingt durch:

  • Sich seines Selbstwertes bewusst zu werden und durch das Wissen, für die nächsten Angehörigen und Freunde wertvoll zu sein und geliebt zu werden
  • Sich in seiner Ganzheit zu spüren, sich als vollständig zu erleben
  • Auf all seine inneren Ressourcen, die in der Weisheit des familiären Systems und im unterstützenden sozialen Netz abgesichert werden, zurückgreifen zu können,
  • Selbstvertrauen daraus abzuleiten, ein sicheres Wissen darüber zu haben, wie ich Menschen begegnen kann und Beziehung gestalten kann.

Eine 23-jährige Studentin durchleidet ihre zweite schwere Depression. Mit 17 Jahren war sie das erste Mal schwer depressiv geworden. Sie war im letzten Jahr des Gymnasiums und war zuvor eine brillante Schülerin gewesen mit nur besten Noten. Doch wie aus heiterem Himmel verlor sie Antrieb und Motivation, zog sich immer mehr in ihr Zimmer zurück. Den Eltern fiel es lange Zeit nicht auf, da sie morgens oft nicht mit am Frühstückstisch gesessen hatte und ihren Rückzug so verstanden, dass sie eben viel für das Abitur pauken müsse. Erst als sie zunehmend und einsilbiger antwortete, wenn sie angesprochen wurde, sie auch nicht mehr wie gewohnt auf ein gepflegtes Äußeres wert legte, sprach ihre beste Freundin sie an. Die Patientin offenbarte sich ihr nach anfänglichem Zögern und sagte der Freundin, dass sie alle Lust am Leben verloren hätte, sie keinen Sinn im Abitur sehe und auch nicht wisse, wie es weitergehen solle. Alarmiert  setzte die Freundin alles in Bewegung, dass sie Patientin sich auf professionelle Hilfe einließ. Diese bestand im Wesentlichen aus einer psychiatrisch medikamentösen Therapie, die zumindest bewirkte, dass sie ihr Abitur machen konnte.

Sie gewann an Selbstvertrauen zurück und konnte einen Studienplatz ihrer Wahl bekommen. Zunächst lag kein Schatten mehr über ihr, und sie studierte erfolgreich. Nur soziale Kontakte baute sie keine verlässlichen auf. Diese würden zu viel Zeit kosten, erklärte sie ihrer besten Freundin zu Hause. Ca. ein halbes Jahr vor dem Bachelor begann die Depression, diesmal beginnend mit Versagensängsten. Sie steigerte ihr Lernpensum. Obwohl es hierfür keinen wirklichen Grund gab, scheute sie zunehmend den Besuch von Seminaren und Lerngruppen, ging nicht mehr zu den Vorlesungen. Sie erschöpfte sich in oft nächtelangen Vorbereitungen. In den Klausuren stellten sich Blockaden ein, sie konnte sich zunehmend weniger zwischen Alternativen entscheiden, sich nicht konzentrieren. Zu der Angst vor Versagen kam die Angst wieder depressiv zu werden hinzu, und es entstand eine unselige Abwärtsspirale. Weil zunächst niemand bemerkte, dass sie nicht mehr zur Hochschule ging und auch ihr Studentenzimmer nicht verließ dauerte es lange, ehe Hilfe von außen kam. Wieder war es ihre beste Freundin aus der Schulzeit, die sie spontan besuchte und ihr Dilemma sofort erkannte.

„Ich bin meine Geschichte. Ich bin meine Vergangenheit.
Nicht: Ich habe eine Vergangenheit.“ (Ulla Hahn)[1]

Orientierung und Kontrolle in unserem Leben gewinnen wir als Energie eines Reifungsprozesses in unserem Beziehungsumfeld. Wie Ulla Hahn[2] uns in ihrem autobiografischen Werk erkennbar macht, waren ambitionierte Lehrer und der Pfarrer für sie hilfreiche Wegbegleiter geworden. Solche Unterstützung erfuhr die Patientin nicht. Bei ihr versagte das soziale Netz.

Als sie 12 Jahre alt war, während ihrer Pubertät, erkrankte ihre Mutter an Brustkrebs. Zu ihr hatte sie bis dahin ein gutes, wenn auch nicht unbedingt vertrauensvolles Verhältnis gehabt. Ihre Großeltern lebten weiter entfernt, nachdem der Vater berufsbedingt mit der Familie weggezogen war. Er arbeitet sehr karriereorientiert und es ging der Familie stets gut. Als die Patientin zwei Jahre alt war, kehrte die Mutter halbtags zurück in ihren Beruf als Verkäuferin, weil, wie sie sagte, ihr die Decke sonst auf den Kopf fiel. Die Patientin war morgens in der Kita. Die Mutter hatte nach langem Bemühen nach zwei Fehlgeburten die Tochter gesund austragen können, traute sich danach jedoch nicht noch ein weiteres Kind zu bekommen. Sie hatte im Betrieb Kolleginnen und in der Kita andere Mütter als Freundinnen kennengelernt. Als sie erkrankte, fiel jedoch eine Welt für sie zusammen. Operation und langwierige Chemo- und Röntgentherapie hatten sie völlig auf sich zurückgeworfen. Oft saß sie zu Hause teilnahmslos in der Küche, für ihre Tochter unerreichbar. Gewohnte Tagesabläufe waren zerstört, oftmals kein Essen auf dem Tisch, wenn die Patientin nach Hause kam, weil ihre Mutter zur Therapie musste. Abends, wenn der Vater nach Hause kam, wirkte dieser abgespannt und müde, saß am liebsten vor dem Fernseher und strahlte Unnahbarkeit aus.

Freundinnen besuchte die Patientin zwar, lud sie jedoch nicht nach Hause ein. Weder wollte sie ihre Mutter überfordern, noch wollte sie ihre Freundinnen die schlechte Stimmung zumuten. Die Mutter ertränkte zunehmend mit Alkohol den Verlust, sich beruflich selbst zu aktualisieren, ihre Kolleginnen zu treffen und dazuzugehören. Den Verlust ihrer körperlichen Unverletztheit, ihrer weiblichen Attraktivität, der Libido sowie das Nicht-miteinander-reden, die eheliche Sprachlosigkeit. Das war lange nicht aufgefallen, wurde doch alles auf ihre Krebsbehandlung und ihre Auswirkungen geschoben.

Als die Patientin 17 Jahre alt war und es auf das Abitur zuging, musste die Mutter für 9 Wochen in eine Entziehungskur. Wenn dann die Patientin nach Hause kam, war die Wohnung leer. Sie musste sich um Einkauf und Haushalt kümmern, was ihr eigentlich nichts ausmachte, hatte sie doch immer mitgeholfen. Doch das Alleinsein drückte sie immer mehr. Sie erlebte sich nicht gesehen, emotional weder angesprochen, noch hatte sie im Vater jemanden, der für ihre emotionalen Bedürfnisse offen gewesen wäre. Er war selbst so sehr mit sich beschäftigt, innerlich völlig am Boden über die Krebs- und Suchterkrankung seiner Frau, dass er später selbst in Psychotherapie ging. Da hatte die Patientin schon das Studium begonnen. Ihre Freundin war ihr Rettungsanker, weil sie die Veränderung von ihr bemerkt und nicht locker gelassen hatte, bis sie in Therapie ging.

Diesmal bedeutet Therapie mehr als die Einnahme von Antidepressiva, die auch jetzt längere Zeit notwendig waren. In der Psychotherapie lernte sie, dass sie es wert war, dass ihr jemand zuhörte, sich ihr Befinden, ihr Erleben, ihre Sichtweisen interessierte. Sie lernte, über sich zu sprechen. Sie machte ihren Eltern zu Hause Vorwürfe, dass sie sich so wenig gekümmert hätten, sie sich oft alleine gelassen und überfordert gefühlt hätte. Sie stellte Fragen, wollte Zusammenhänge erkennen und verstehen, hören, geliebt zu sein. Die Eltern waren durch ihre eigenen Therapien vorbereitet, antworteten gerne. So erfuhr sie, dass die Mutter ihrer Mutter auf der Flucht 1944 vergewaltigt worden war, und dass der Großvater sich sehr verändert hatte, als er aus Gefangenschaft zurückgekehrt war. Ihn hatte die Patientin nicht mehr kennengelernt, er hatte sich zu Tode getrunken. Die Mutter hatte die Message mit ins Leben gegeben bekommen: „Auf Männer ist kein Verlass!“

Der Vater des Vaters der Patientin hatte immer viel gearbeitet. Insbesondere, als seine Frau innerhalb von drei Monaten an den Folgen eines Bauchspeicheldrüsenkrebs verstarb, stürzte er sich in Arbeit und verlor den Sohn, damals 16 Jahre, aus den Augen. Dieser lernet sehr bald seine künftige Frau kennen, fand emotionalen Halt bei ihr und wurde auch sehr freundlich aufgenommen in ihrer Familie. Mit der Brustkrebserkrankung seiner Frau aktualisierten sich wieder seine Verlustängste und warfen ihn stark auf sich zurück. Er hatte wenig Blick für seine Tochter, nicht weil er sie nicht mochte, sondern er in seinen Ängsten gefangen war. Es schmerzte ihn sehr zu hören, wie sehr ihn seine Tochter vermisst hatte, als er sich in die Arbeit gestürzt hatte, um sich abzulenken von dem Leid seiner Frau. Es flossen viele Tränen bei allen dreien, als sie sich offen mitteilten, wie sehr sie alle emotional überfordert gewesen waren, während der letzten Jahre.

Der in Gang gekommene innerfamiliäre Dialog förderte die Bereitschaft der Patientin, sich auf Begegnungen mit anderen jungen Menschen mutiger einzulassen und sich auch erstmals für einen jungen Mann zu öffnen. Sie konnte sich auf die zunehmende Vertrautheit und das wachsende Vertrauen einlassen und sich wieder besser mit ihren eigenen Zielen verbinden. Während der ganzen Zeit riss der Kontakt zu ihrer besten Freundin nicht ab. Sie suchte von sich aus auch den Kontakt zu ihr, und festigte die tiefe Freundschaft, in der sie auch die Erfahrung machen konnte, dass die Freundin von ihrem Liebeskummer zu ihr sprach, von ihren Problemen mit den Eltern und sich in der Welt zurechtfinden.

[1] Ulla Hahn: Spiel der Zeit. Penguin-Verlag 2014, S. 40

[2] Ulla Hahn: Aufbruch. Dtv 2009. Die Autorin wurde 1945 geboren und beschreibt eindrucksvoll für die erste Nachkriegsgeneration eine autobiografische Trilogie.

Ein prügelnder Vater, der nur Arbeit kannte, – er war selbst mit elf Jahren von seinem Stiefvater halb tot geprügelt worden; er war im Krieg verletzt worden und hatte noch einen Granatsplitter im Bein; konnte nur als einfacher Arbeiter sein Geld verdienen; arbeitete nach Feierabend noch zusätzlich für seinen Arbeitgeber im Garten, um die Not im Haus zu lindern – eine unverständige stets nörgelnde und abwertende Mutter, mit ihrem Leben unzufrieden und missgünstig. Sie verdiente mit Putzen noch etwas Geld dazu. Sie und ihre Großmutter mit ihren sehr engen streng religiösen konventionsgebundenen Ansichten hätten ihr niemals den Weg zum Studium geebnet. Der Großvater mütterlicherseits hatte ihr viel bedeutet, und ihr Bruder unterstützte sie. „Zur Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf“ (afrikanische Redewendung)

„Bei diesem Fallbeispiel handelt es sich um eine frei erfundene Geschichte. Die dargestellten Personen sind ebenso frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig. Alle beschriebenen Handlungen sind zwar an die Realität angelehnt, beziehen sich aber nicht auf konkrete Begebenheiten. Auch hier sind alle Ähnlichkeiten rein zufällig.“

22. März 2018|

Über den Autor:

Wolfgang Hagemann
Meine Aufsätze und Beiträge ergeben sich aus der intensiven Auseinandersetzung mit Themen und Erfahrungen aus mehr als 30 Jahren psychotherapeutischer Arbeit.